Ein Mann in der Offensive

Schnell, scharfzüngig, in Sicherheitsfragen ein Hardliner. Bringt Daniel Jositsch die SP auf einen neuen Kurs?

05.09.2008 von Daniel Binswanger

Ich sehe grosse Parallelen zwischen Herrn Ospel und Herrn Blocher», sagte Daniel Jositsch Anfang März im «Sonntalk» auf TeleZüri. «Beide haben das Gefühl, man könne nicht auf sie verzichten. Beide sind unfähig, langfristige Strategien umzusetzen. Es gibt nur einen Unterschied: Herr Blocher ist schon abgewählt worden, Herrn Ospel steht das noch bevor.» Solche Sätze hört man selten am Schweizer Fernsehen – und wenn, dann ist Blocher derjenige, der sie austeilt. Nicht derjenige, der sie einsteckt.
Mit Jositsch hat die SP einen neuen Preisboxer in der Medienarena: debattenstark, präsent und, wenn es sein muss, unerbittlich. Der Strafrechtsprofessor hat keine Zeit für Eiertänze und vornehme Rücksichten. Hier tritt ein Linkspolitiker auf, der nicht den Eindruck vermittelt, als ob er in der Defensive sei. In den Medien wird Jositsch mittlerweile zu fast allen Themen befragt. Obwohl er noch nicht ein Jahr im Nationalrat ist, hat er die sicherheitspolitische Neupositionierung der SP wesentlich mitbestimmt. Daniel Jositsch ist ein Perpetuum mobile, ein Arbeitstier, ein Hans Dampf in allen Gassen. Ist er der Mann, der die kriselnden Sozialdemokraten wieder auf Kurs bringen wird? Oder gehört bei den Linken auch die fernere Zukunft einem forschen Gewerkschafter wie SP-Präsident Christian Levrat?
Das Interview findet in seinem Büro der Rechtsfakultät der Uni Zürich statt. Mit dem alerten Blick, dem offenen Hemdkragen und den Bluejeans kommt der Strafrechtsprofessor reichlich unakademisch daher. Er ist ein lösungsorientierter Typ, nicht einer, der sich gerne reden hört. «Gut, das machen wir», ist einer seiner Lieblingssätze. In seiner Berufskarriere hat Jositsch bereits gezeigt, dass er ein beeindruckendes Pensum bewältigen kann – beispielsweise als er während eines Auslandaufenthaltes nebenbei das kolumbianische Anwaltspatent ablegte oder als er als Strafverteidiger sich nebenher noch habilitierte. Auch als Dozent ist Jositsch beliebt: Er sei immer hervorragend vorbereitet und lasse sich auch fast nie vertreten, sagen seine Studenten.

Werdegang wie ein FDPler
In der Politik hat der Quereinsteiger bis anhin eine Blitzkarriere hingelegt. Der SP gehört der 43-Jährige noch nicht einmal zehn Jahre an, lokalpolitische Sporen verdiente er sich als Schulpräsident an der Goldküste und als Geschäftsleitungsmitglied der SP Bezirkspartei Meilen. Seinen grossen Coup landete er im letzten Sommer, als er mit Chantal Galladé den sogenannten Zwölf-Punkte-Plan gegen Jugendgewalt lancierte. Der Law-and-Order-Diskurs von Links hat viele Genossen befremdet, stiess bei den Wählern aber auf gewaltige Resonanz. Galladé erzielte ein Spitzenresultat bei den Nationalratswahlen und hätte beinahe die Hürde des Ständerates genommen. Jositsch sprang von seinem fünfzehnten Listenplatz auf die siebte Stelle und wurde in den Nationalrat gewählt. Mit der Forderung nach verschärfter Repression im Falle von schwerer Jugendkriminalität hat das Gespann Jositsch/Galladé einen Tabubruch begangen. Man hat ihnen den politischen Selbstmord prophezeit. Nur ein Jahr später präsentiert die SP Schweiz jedoch ein Sicherheitspapier, das sich ihrer Position annähert. Jositsch ist einer der Ko-Autoren.
Der Strafrechtler hat ein dickes Fell. Vor allem aber hat er sich eine Medienpräsenz erarbeitet, von der viele gestandene Parlamentarier nur träumen können. Seit Jositsch im Jahr 2004 seine Zürcher Professur angetreten hat, ist er als Strafrechtsexperte auf allen Kanälen. Es ist die Medienpräsenz, die seiner politischen Laufbahn die Flügel verlieh. Auch in der Schweiz ist die Post-Parteienpolitik ein Stück weit zur Realität geworden. Die Karriere führt nicht mehr ausschliesslich über den Parteiapparat, über Ämter, Gremien und Seilschaften. Der Weg führt über das Fernsehstudio, über Bekanntheitsgrad und Einschaltquote. Die FDP hatte ihren Leutenegger, die SP hat Daniel Jositsch.
Das geht so weit, dass in einigen Blättern auch schon Spottkolumnen über den «Jositsch für alle Fälle» erschienen sind. Trotzdem bleibt Jositsch in der Presse präsent – auch in den Publikationen, die ihn dafür angreifen. Journalisten wissen einfach, dass er jederzeit verfügbar und imstande ist, eine sachgerechte Stellungnahme abzugeben. «Als Strafrechtsprofessor fühle ich mich zur Öffentlichkeitsarbeit verpflichtet», erklärt Jositsch sein Medienengagement. «Es wird von der Universität auch gewünscht.» Man muss dem strebsamen Polit-Newcomer nicht unbedingt unterstellen, dass er diese Form des Service Public aus reiner Selbstlosigkeit betreibe. Auch andere Politiker, zum Beispiel FDP-Ständerat und Präventivmediziner Felix Gutzwiller, haben ihre Universitätsprofessuren erfolgreich dafür eingesetzt, ihren öffentlichen Bekanntheitsgrad zu erhöhen. Doch was soll in der Mediendemokratie falsch daran sein, wenn Politiker fleissig Medienarbeit leisten?
Jositsch hat eine atypische SP-Biografie. Ein Jusstudium, aber nicht im liberalen Zürich, sondern an der konservativen Hochschule St. Gallen. Man habe ihm gesagt, mit einem HSG-Studium habe er bessere Chancen auf dem Arbeitsmarkt, sagt er. Ein mehrjähriger Aufenthalt in Südamerika, aber nicht bei einer NGO, sondern als Sekretär der Schweizerisch-Kolumbianischen Handelskammer. Er habe damals noch eine diplomatische Laufbahn in Erwägung gezogen, da sei ein Job als Wirtschaftsdiplomat attraktiv gewesen. Nach der Rückkehr in die Schweiz zieht Jositsch an die Goldküste, arbeitet für eine Versicherungsberatungsfirma, als Mitarbeiter in einer grossen Zürcher Kanzlei und schliesslich als selbstständiger Strafverteidiger. 2004 habilitiert er und kommt zu seiner Professur. Im Militär hat er sich zum Major hochgedient. Ein Werdegang, der perfekt zu einem FDP-Politiker passen würde.
«Das sieht nur auf den ersten Blick so aus», wiegelt Jositsch ab. «Ich bin zwar relativ spät der SP beigetreten, aber ich habe mich immer intensiv mit Politik auseinandergesetzt. Ich wurde wie viele Menschen in meinem Alter durch die Bürgerbewegungen der Achtzigerjahre politisiert, und zwar ganz besonders durch die Umweltschutzproblematik.» Der junge Mann tritt dem WWF und Greenpeace bei. Anfang der Neunziger schliesst er sich den Grünen an, verlässt die Partei aber nach ein paar Jahren wieder. «Wenn es um Umweltschutz ging, war man sich bei den Grünen einig», sagt er heute. «In anderen Politikfeldern gingen die Ansichten jedoch stark auseinander. Das wurde für mich irgendwann zum Problem.» Zeitweilig ist Jositsch Mitglied des kantonalen Vorstands der Grünen, strebt aber kein politisches Amt an. «Mich hat damals die Politik als sachbezogenes Engagement, als Bürgerbewegung interessiert. Für Machtkämpfe um politische Ämter hatte ich als junger Mann jedoch nichts übrig. Man lernt erst mit der Zeit, dass man dahin gehen muss, wo die Musik spielt, wenn man etwas verändern will.»

Unermüdlicher Wahlkämpfer
Wo kommt er eigentlich her, der Politstar mit dem Secondo-Namen? Jositschs Urgrossvater ist vor über hundert Jahren aus der Ukraine in die Schweiz eingewandert. Der Grossvater und der Vater waren dipl. Ing. HTL. Solider, akademischer Mittelstand. «Mein Vater hatte ein Ingenieurbüro, war selbstständig erwerbend und stand politisch der FDP am nächsten. Schwierig wurde es für ihn allerdings, als sich die Freisinnigen der SVP anzunähern begannen.» Die Affinität zur Sozialdemokratie kommt eher von der Mutterseite: «Mein anderer Grossvater war Arbeiter, Gewerkschafter, überzeugter Sozialist. Er hat mich als kleiner Junge an den 1. Mai mitgenommen.» Prägend ist für Jositsch wohl auch die jüdische Herkunft, obwohl er nicht religiös ist: «Ich gehöre zu jener Generation, die nach dem Zweiten Weltkrieg aufgewachsen ist und die gelernt hat, dass man sich engagieren muss, dass man für seine Rechte geradesteht, dass man sich nicht zum Opfer machen lassen darf.» Es ist vermutlich kein Zufall, dass Jositsch sowohl seine Lizenziats- als auch seine Doktorarbeit dem Strafrecht als Instrument gegen die Rassendiskriminierung gewidmet hat.
Zu Jositschs grossen Stärken gehört seine Fernsehtauglichkeit. Er kann präzis und auf den Punkt formulieren. Er kann auftreten – und den Gegner irritieren. Es sei ein unlauteres Komplott geschmiedet worden, um einen als Rechts-Experten getarnten Links-Politiker medial zu lancieren, der sich nicht als solcher zu erkennen gebe, wurde im Vorfeld der Nationalratswahlen von der SVP gestreut. Die «Weltwoche» stiess ins selbe Horn und forderte «eine offene Deklaration» von Jositschs SP-Engagement. Besonders die häufigen Einladungen in die Sendungen von TeleZüri haben zu allerlei Verschwörungstheorien Anlass gegeben. «Reine Verunglimpfungen», kontert TeleZüri-Chefredaktor Markus Gilli. «Jositsch ist eine Idealbesetzung. Intelligent, glaubwürdig, mit höchster Lust an der Debatte. Nur deshalb laden wir ihn ein.»
Die SVP hat systematisch daran gearbeitet, den SP-Newcomer zu diskreditieren. Im TeleZüri-Duell mit Blocher nannte der Alt-Bundesrat den Nationalrat konsequent nur «Herr Professor» – und unterstellte ihm, er verachte die Bauern. In einer Radiodebatte zur Einbürgerungsinitiative titulierte Nationalrat Hans Fehr seinen Kontrahenten ebenfalls laufend als «Herr Rechtsprofessor», als würde er eine tödliche Beleidigung aussprechen. In der Abstimmungs-«Arena» zur Einbürgerungsinitiative, wo neben Bundesrätin Widmer-Schlumpf auch Jositsch gegen Brunner und Blocher antrat, gab Blocher wiederum zu Protokoll: «Ich begreife, dass der Herr Professor es anders haben will.» Es ist offenbar zur Kommunikationsstrategie erhoben worden: Der Strafrechtsprofessor soll um jeden Preis als arroganter Akademiker, als Schreibtischtäter im Elfenbeinturm, als weltfremder Theoretiker diffamiert werden. Schliesslich zieht keine populistische Masche besser, als dem politischen Gegner seinen Sachverstand als Handicap anzukreiden. Normalerweise ist in der Schweiz keine Karte so einfach zu spielen wie der Vorbehalt gegen Intellektuelle und Akademiker. Normalerweise, aber nicht bei Jositsch. Der Strafrechtler weiss, wovon er redet, wenn er zu juristischen Fragen Stellung nimmt. Doch dass er deshalb am Volk vorbeidoziere, das kann ihm keiner anhängen.
Die Ablehnung der Einbürgerungsinitiative war für Jositsch ein persönlicher Triumph. Kein anderer Gegner der Initiative hat sich so engagiert ins Zeug gelegt, um die Vorlage zu verhindern – in Radiogesprächen, im «Blick»-Live-Chat, auf unzähligen Fernsehplateaus. Seine Gegner erblicken auch in diesem Engagement nur einen weiteren Beweis für die Mediensucht des Rechtsprofessors, doch den Tatsachen hält dieser Vorwurf nicht stand. Der Nationalrat hat nicht nur das Rampenlicht gesucht – er hat auch eine Unzahl an völlig publizitätsunverdächtigen Podien in Wirtshaussälen und Mehrzweckhallen bestritten – von Hettlingen bis Elgg, von Wädenswil bis Schlieren. Parteikollegen bescheinigen Jositsch, dass er sich nie zu schade ist, um auch noch in der uneinnehmbarsten SVP-Hochburg zum Streitgespräch anzutreten. «Wenn einer mit mir diskutieren will, dann lehne ich nicht ab», sagt Jositsch. «Das ist für mich eine Frage der Selbstachtung. Ich weiche keiner Auseinandersetzung aus.» SP-Nationalrat Mario Fehr bescheinigt seinem Kollegen, dass er ein absolut unermüdlicher Wahlkämpfer sei. «Der ist bei jeder Standaktion der Erste und packt beim Aufbau mit an», sagt Fehr. «Und die Leute merken: Es macht ihm auch noch Spass.»
So polyvalent der Strafrechtler auch sein mag: Heute gilt Jositsch vornehmlich als Symbolfigur für die neue Law-and-Order-Wende der Sozialdemokraten. Die Linke zeigt eine neue Bereitschaft, das repressive Instrumentarium zu verstärken oder wenigstens voll auszuschöpfen, insbesondere im Umgang mit jugendlichen und ausländischen Straftätern. Steht Jositsch für das Erstarken eines neuen, mehr in der Mitte politisierenden Parteiflügels? Oder vollzieht die SP lediglich eine populistische Trendwende, weil sie endlich realisiert hat, dass sie sonst noch mehr Wähler verlieren wird?

«Die Leute wollen Antworten»
Es dürfte unvermeidlich gewesen sein, dass sich die Sozialdemokraten in Fragen der Kriminalitätsbekämpfung neu positionieren. Alle europäischen Linksparteien haben diesen Schritt vollzogen: Labour unter der Führerschaft von Blair, die SPD im Kielwasser von Innenminister Schily, die französischen Sozialisten in diskreter Manier, als die Regierung Jospin begonnen hat, die Polizeikräfte auszubauen, und in indiskreter Manier, als Präsidentschaftskandidatin Ségolène Royal Militärstraflager für jugendliche Straftäter forderte. Sachpolitisch sind zwar nach wie vor viele Fragen offen: Gerade in der Schweiz streiten die Kriminologen immer noch darüber, ob etwa die Jugendkriminalität wirklich zugenommen hat oder ob für die Zunahme der Delikte vornehmlich die Tatsache verantwortlich ist, dass heute schneller Anzeige erstattet wird als früher. Doch die gesellschaftliche Atmosphäre hat sich unbestreitbar verändert.
Erstens hat sich auch unter linken Wählern der Eindruck durchgesetzt, dass man alleine mit sozialpädagogischen Wiedereingliederungsmassnahmen der Sicherheitsprobleme nicht Herr werden kann. Zweitens haben soziale Veränderungsprozesse – Globalisierung, Migration, flexiblere, anonymere Gesellschaftsstrukturen – das Grundgefühl der Angst verstärkt. Die Sozialdemokraten, die der Polizeirepression von Haus aus skeptisch gegenüberstehen, haben die Entwicklung verschlafen. Erst der Zwölf-Punkte-Plan von Jositsch und Galladé hat hier wirklich eine Wende gebracht. Die Forderung nach Gefängnisstrafen für unter 15-Jährige bei schweren Straffällen – die Massnahme, die im letzten Herbst die höchsten Wogen geworfen hat – ist zwar nicht in das neue SP-Sicherheitspapier eingegangen. Aber die Debatte ist lanciert.
Das anerkennen mittlerweile auch SP-Vertreter, die der repressiven Kehrtwende mit Skepsis gegenüberstehen, zum Beispiel der Zürcher Stadtparteipräsident Koni Loepfe. «Ich bin ja inhaltlich häufig nicht mit ihm einverstanden», meint Loepfe, «aber Jositsch hat das Verdienst, ein Tabu aufgebrochen zu haben. Das war notwendig.» Allerdings sind die Widerstände gegen den Durchmarsch des Strafrechtsprofessors im SP-Apparat immer noch beträchtlich. Vor zwei Monaten erschien im «Tages-Anzeiger» ein geharnischter Leserbrief von Nationalrätin Jacqueline Fehr, die zur Berichterstattung über das SP-Sicherheitspapier Stellung nahm. «Das Papier trägt gerade nicht die Handschrift von Daniel Jositsch», schreibt die SP-Vizepräsidentin. «Die SP Schweiz will Sicherheit nicht durch eine Verschärfung des Strafrechts erreichen, sondern durch mehr Service Public.» Dass die Partei-Vize den Beitrag von Jositsch, der im letzten Herbst in die SP-Sicherheitskommission berufen wurde, plötzlich in Abrede stellt, ist eher überraschend. Dass sie die neue SP-Position als Gegenprogramm zur Jositsch-Linie darstellt, scheint noch befremdlicher. Jositsch will zu parteiinternen Zwistigkeiten keine Stellung nehmen. Es sieht so aus, als ob die Animositäten, die der Senkrechtstart des Juristen ausgelöst haben mag, ganz und gar nicht beigelegt sind.
Es ist nicht nur die Wählerschaft im Allgemeinen, sondern insbesondere die SP-Basis, die sich in Sicherheitsfragen eine härtere Gangart wünscht. Jositsch wurde bei den Nationalratswahlen nicht nur häufig panaschiert (das heisst von Wählern, die andere Listen einlegten, auf den Wahlzettel geschrieben), er wurde von zahlreichen Wählern auch kumuliert (das heisst SP-Wähler gaben ihm gleich zweimal ihre Stimme). Ein repressiverer Kurs bei der Kriminalitätsbekämpfung ist auch bei den traditionellen SP-Wählern populär. Das haben Umfragen gezeigt, welche die SP nach den verlustreichen Nationalratswahlen vom letzten Herbst in Auftrag gaben. Sie belegen, dass die als mangelhaft empfundene Sicherheitspolitik der Linken einer der Hauptgründe für den Wählerschwund darstellt. Die SP kommt nicht umhin, diesem Tatbestand in die Augen zu sehen.
Gerade die Popularität der Law-and-Order-Wende wirft jedoch die Frage auf, ob die Sozialdemokraten mit ihrer Neupositionierung nicht schlicht und einfach auf Stimmenfang gehen. Hat der reaktionsschnelle Jositsch lediglich etwas fixer als die anderen gemerkt, aus welcher Richtung der Wind bläst und seinen Wimpel entsprechend ausgerichtet? Dass der Medienstar ein entwickeltes Sensorium dafür hat, welche Themen Aufmerksamkeit erregen, wird man ihm kaum absprechen können. Dass er sich mit völlig komplexfreiem Pragmatismus in genau den Politikfeldern engagiert, die öffentliche Resonanz erzeugen, dürfte ebenso schwer zu bestreiten sein. «Man muss Antworten geben auf die Fragen, welche die Leute beschäftigen», sagt Jositsch. «Der Zwölf-Punkte-Plan war auch Wahlkampf», gibt er unumwunden zu. «Natürlich betreffen die schweren Fälle von Jugendkriminalität nur einen ganz begrenzten Täterkreis. Natürlich gibt es viele andere Dossiers, die auch wichtig sind. Aber wenn ein Flugzeug abstürzt, kann man den Leuten auch nicht sagen: Statistisch gesehen, geschieht das fast nie, wir haben im Flugverkehr kein Problem. Das mag richtig sein, aber die Politik muss trotzdem handeln.»
Ist das nun wählernahes Verhalten oder blosses taktisches Kalkül? Man wird Jositsch kaum vorwerfen können, dass er nicht dem Kompass seiner Überzeugung folge. Jedenfalls ist er, wenn es sein muss, auch bereit, gegen den Strom zu schwimmen. Ein blosser Law-and-Order-Populist hätte sich niemals gegen die Einbürgerungsinitiative ins Zeug gelegt und damit dem Vorwurf ausgesetzt, die Einbürgerung von Kriminellen zu erleichtern. Zwar wurde der Abstimmungskampf zu einem Triumph für die Linke. Aber im Voraus hat das keiner wissen können.
Politische Unabhängigkeit hat Daniel Jositsch auch bewiesen, als er sich, noch bevor er zum Nationalrat gewählt wurde, in die Debatte über die Umsetzung der Verwahrungsinitiative einschaltete. Wie die überwiegende Mehrzahl der Rechtsexperten hat er sich gegen die Initiative ausgesprochen – aufgrund von Bedenken bezüglich ihrer Zweckmässigkeit und ihrer Vereinbarkeit mit der europäischen Menschenrechtskonvention. Nachdem die Vorlage aber angenommen worden war, zog sich der Strafrechtler nicht darauf zurück, dass sie gar nicht verfassungskonform anwendbar sei, sondern er machte Vorschläge, wie doch noch ein akzeptables Anwendungsgesetz ausgearbeitet werden könne. «Ich bin immer ganz klar gegen den Verwahrungsartikel gewesen», sagt Jositsch. «Man darf den Leuten aber nicht zuerst sagen: Ihr dürft abstimmen und wenn einem das Resultat nicht gefällt, plötzlich behaupten, dass man das Gesetz leider gar nicht anwenden könne. Das geht nicht, da fühlen sich die Leute veräppelt.»
Auch hier könnte man wieder fragen, ob der Strafrechtler nicht auf einen populistischen Zug aufgesprungen ist, nämlich auf die Forderung, Volksrechte über Verfassungsrechte zu stellen. Daniel Jositsch weist den Vorwurf scharf zurück: «Politisch hat mein Vorstoss mich bestimmt nicht populärer gemacht. Von links hat man mir vorgeworfen, dass ich mich für die Umsetzung einer Vorlage engagiere, die man bekämpft. Von rechts hat man mich verdächtigt, ich wolle den Verwahrungsartikel bloss verwässern und sabotieren.»
Jedenfalls habe er nie die Volksrechte über die Verfassung stellen wollen, stellt der Strafrechtler klar. Ob das Anwendungsgesetz der Menschenrechtskonvention und damit der Verfassung entspreche oder nicht, könne erst mit Gewissheit festgestellt werden, wenn ein Betroffener vor dem Europäischen Gerichtshof klage. So wie das Gesetz heute aussehe, sei es möglich, aber nicht zwingend, dass es als nicht menschenrechtskonform beurteilt werde. «Nach meiner juristischen Beurteilung sollte man diesen Entscheid nicht antizipieren», gibt Jositsch zu bedenken. In der letzten Wintersession hat er für Annahme des Anwendungsgesetzes gestimmt, gegen die Mehrheit der Linken. Die Positionierung kann wohl als typisch gelten für seine Art des Politisierens: quer zu den üblichen Frontverläufen, ärgerlich für Gegner von links und rechts – und im Zentrum der öffentlichen Aufmerksamkeit.

Pragmatiker, nicht Ideologe
Ohne Zweifel ist der Strafrechtler eine gesellschaftspolitische Reformkraft. Aber ist er deshalb schon der Repräsentant eines neuen sozialliberalen Flügels? «Jositsch als Exponent eines neuen SP-Flügels zu betrachten, wäre unangebracht», sagt Koni Loepfe. «Er hat gesellschaftspolitische Debatten losgetreten, aber man kann ihn schon deshalb nicht als linksliberal bezeichnen, weil er bei den sozialpolitischen SP-Kernthemen gar nicht vom Gewerkschaftsflügel abweicht.»
Man wird Loepfe wohl recht geben müssen. Jositsch profiliert sich mit gesellschaftspolitischen Themen, von einer Generalüberholung der SP-Agenda ist bisher aber nichts in Sicht. Jositsch und Galladé haben frischen Wind in die SP-Debatten gebracht, von einem Reformprogramm, wie es dereinst Simonetta Sommaruga und Rudolf Strahm (erfolglos) durchsetzen wollten, bleiben sie jedoch weit entfernt. «Man muss erst einen Brückenkopf bauen», meint Jositsch. «Ein Politikfeld, in dem man als kompetent wahrgenommen wird. Man kann nicht gleich überall mitreden wollen.» Er wird sich wohl zukünftig stärker in der Bildungspolitik engagieren, ein weiteres Fernziel ist die Umweltpolitik. Doch Jositsch erweitert seinen Rayon schrittweise. Er ist ein Pragmatiker, kein Chefideologe.
Es ist letztlich wohl wahrscheinlicher, dass der Nationalrat einmal ein wichtiges Exekutivamt erobert, als dass er einen in die Breite gehenden Beitrag zur Neugestaltung der SP-Parteilinie liefern wird. Bei der Basis kommt der Quereinsteiger zwar hervorragend an. Im Parteiapparat fehlt es ihm aber immer noch an Seilschaften und breiter Unterstützung. Für ein Exekutivamt hingegen würde Jositsch nur schon die Tatsache empfehlen, dass er beste Beziehungen zu den Vertretern anderer Parteien pflegt. Wer versucht, vom Nationalrat ein böses Wort über seine Widersacher zu hören, der verliert seine Zeit. Mörgeli, Rickli, Fiala, Leutenegger: Persönlich kommt Jositsch mit jedem politischen Gegner bestens aus. Hart in der sachlichen Auseinandersetzung, jovial beim Bier danach: Jositsch ist der absolute Idealfall eines Schweizer Konkordanzpolitikers. Man hat nicht im Geringsten den Eindruck, dass seine menschenfreundliche Umgänglichkeit irgendwie aufgesetzt oder kalkuliert wäre. Sollte aber die Zeit reif sein und für einen Zürcher Sozialdemokraten ein Exekutivamt frei werden – auf Kantons- oder auch auf Bundesebene –, so könnte sie sich trotzdem als matchentscheidende Qualität erweisen.
Es sei denn, es sei alles etwas zu schnell gegangen. Es sei denn, er ist für helvetische Verhältnisse eben doch etwas zu herausragend. Etwas zu omnipräsent in den Medien. Etwas zu brillant bei Rededuellen. Etwas zu unabhängig in seinem Agenda-Setting. Es sei denn, der Ausnahmepolitiker Jositsch werde letztlich darüber stolpern, dass er tatsächlich ein Ausnahmepolitiker ist. Der erste wäre er nicht.